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Wein Wissen — Vinora Weinlexikon
Vinora Weinlexikon

Wein.
Verstehen.

Von der Rebe bis ins Glas — alles was Sie über Rotwein und Weisswein wissen sollten. Fundiert, verständlich, leidenschaftlich.

Rotwein
Weisswein
Entdecken
I
Kapitel Eins

Rebsorten & Trauben

Weltweit gibt es über 10 000 Rebsorten — doch nur ein Bruchteil prägt die grossen Weine. Jede Sorte trägt ihre Heimat, ihr Klima und ihren Charakter in sich.

Rotwein

Die grossen roten Rebsorten

Rote Trauben verdanken ihre Farbe den Anthocyanen in der Beerenschale. Beim Rotwein vergärt die Maische — also Saft, Schalen und Kerne gemeinsam — was Farbe, Tannine und Struktur ins Glas bringt. Jede Sorte erzählt eine andere Geschichte.

  • Cabernet Sauvignon
    Die «Königin» unter den roten Sorten. Dicke Schalen, hohe Tannine, ausgeprägte Struktur. Cassis, Zedernholz, Blaubeere. Lagerfähig bis 30+ Jahre.
    Bordeaux · FR
  • Pinot Noir
    Die anspruchsvollste Sorte der Welt. Dünnschalig, seidig, komplex. Kirscharomen, erdige Noten, feines Tannin. Vergibt keine Fehler im Keller.
    Burgund · FR
  • Syrah / Shiraz
    Kraftvoll, würzig, dunkelfruchtig. Pfeffer, dunkle Beeren, Rauch. Im kühlen Norden (Rhône) elegant — im heissen Süden (Australien) üppig und saftig.
    Rhône · FR
  • Sangiovese
    Das Herz des Chianti und Brunello. Hohe Säure, erdige Noten, Kirsche und Tomate. Braucht Zeit, um seine wahre Eleganz zu entfalten.
    Toskana · IT
Weisswein

Die grossen weissen Rebsorten

Weisswein entsteht fast ausschliesslich aus dem geklärten Saft — die Schalen werden sofort nach der Lese entfernt. Das Ergebnis ist Frische, Frucht und eine erstaunliche aromatische Vielfalt, die von knochentrockenen Mineralweinen bis zu opulenten Dessertsüssen reicht.

  • Chardonnay
    Die wandelbarste Weissweinsorte. Im Stahl frisch und zitronig — im Holzfass cremig mit Vanille und Butter. Von Chablis bis Montrachet ein weiter Weg.
    Burgund · FR
  • Riesling
    Deutschlands Edelstes. Ausdruckstarke Säure, mineralische Präzision, Pfirsich und Aprikose. Von knochentrocken bis edelsüss — und lagerfähig wie kein anderer Weisser.
    Mosel · DE
  • Sauvignon Blanc
    Explosiv aromatisch: Grapefruit, Stachelbeere, frisches Gras. Kühle Lagen verstärken die Mineralität. Sancerre und Marlborough sind seine berühmtesten Bühnen.
    Loire · FR
  • Pinot Gris / Grauburgunder
    Zwischen zwei Welten: in Deutschland frisch und schlank, im Elsass üppig und komplex. Birne, weisser Pfirsich, manchmal ein Hauch Bitternis im Abgang.
    Elsass · FR
II
Kapitel Zwei

Terroir & Anbau

Terroir ist das französische Wort für alles, was ein Weinglas nicht erklären, aber erschmecken kann: Boden, Klima, Höhe, Hangneigung, Tradition. Es ist der Ort im Wein.

Rotwein

Was Rotwein braucht

Rote Sorten mögen Wärme — sie brauchen ausreichend Sonnenstunden, um ihre Tannine zu reifen und süsse, vollmundige Früchte zu entwickeln. Zu viel Hitze jedoch macht Weine plump und alkoholisch. Die grossen Rotweinlagen liegen auf 45–50° nördlicher Breite oder in kühlen Höhenlagen.

Der Boden entscheidet über Mineralität und Struktur: Schiefer gibt Würze, Kalkstein verleiht Frische und Eleganz, Ton sorgt für Fülle und Gewicht.

Ideale Temperatur
14–18 °C Jahresdurchschnitt
Sonnenstunden
1 400–1 800 h / Jahr
Niederschlag
500–700 mm / Jahr
Lese-Zeitpunkt
Sept. – Okt. (NH)
Weisswein

Was Weisswein braucht

Weissweinsorten profitieren von kühlen Nächten und moderaten Tagestemperaturen — die Säure bleibt so lebendig und die Aromatik wird nicht «gekocht». Kühles Klima ist die grösste natürliche Aromenkonzentration, die ein Winzer sich wünschen kann.

Besonders elegant werden Weissweine auf mineralreichem Boden: Der berühmte Kimmeridge-Kalk des Chablis oder der Schiefer der Mosel geben den Weinen ihre unnachahmliche Tiefe und Spannung.

Ideale Temperatur
10–14 °C Jahresdurchschnitt
Tagschwankung
≥ 12 °C Tag/Nacht
Bodentyp ideal
Kalkstein, Schiefer
Lese-Zeitpunkt
Aug. – Sept. (NH)
III
Kapitel Drei

Vinifikation & Produktion

Im Keller entscheidet sich, was die Natur angeboten hat. Die Vinifikation — die Weinbereitung — ist das Handwerk des Winzers. Jede Entscheidung hinterlässt eine Spur im Glas.

Rotwein

Wie Rotwein entsteht

Die erste grosse Entscheidung im Keller: Spontangärung oder Reinzuchthefe? Spontane Hefen — wilde Mikroorganismen, die auf den Trauben und in der Kellerluft leben — gären langsamer, unberechenbarer, aber mit unvergleichlicher aromatischer Tiefe und Terroir-Ausdruck. Reinzuchthefen sind gezüchtete Stämme mit definierten Eigenschaften: verlässlich, schnell, fehlersicher — und dafür mitunter etwas «braver» im Glas. Die besten Naturwein-Produzenten der Welt schwören auf Spontangärung; grosse Mengenproduzenten auf Reinzucht.

Der entscheidende Unterschied: Beim Rotwein vergärt der Saft gemeinsam mit den Schalen. Erst durch diesen Kontakt lösen sich Farbe, Tannine und Aromen aus der Beerenhaut heraus. Das nennt man Mazeration.

1
Lese & Selektion
Handgelesen oder maschinell. Überreife und faule Trauben werden aussortiert. Qualität beginnt im Weinberg.
2
Maischen & Entrappen
Stiele werden entfernt (Entrappen), die Beeren leicht gequetscht. Die Maische aus Schalen, Kernen und Saft kommt in den Gärtank.
3
Alkoholische Gärung
Hefen wandeln Zucker in Alkohol um. 7–14 Tage, 24–29 °C. Täglich wird der Tresterhut «untergetaucht», um Farbextraktion zu maximieren.
4
Abstich & Keltern
Freier Ablauf (Vorlauf) und Presswein werden getrennt gehalten. Optionale Vermischung später für Komplexität.
5
Malolaktische Gärung
Bakterien wandeln harte Äpfelsäure in weiche Milchsäure um. Macht den Wein runder und buttriger — fast immer beim Rotwein angewendet.
6
Ausbau im Fass
Eichenfass (Barrique: 225 L) über 12–24 Monate. Sauerstoff macht Tannine weicher, Holz gibt Vanille, Zimt und Toast.
Weisswein

Wie Weisswein entsteht

Auch beim Weisswein ist die Hefewahl entscheidend — vielleicht sogar noch mehr als beim Rotwein. Spontane Hefen auf Weissmost erzeugen eine faszinierende Komplexität: Brotaromen, florale Noten, mineralische Spannung. Das Risiko: Stockungen, Fehlaromen, Oxidation. Reinzuchthefen hingegen betonen gezielt Fruchtaromen — bestimmte Stämme verstärken Grapefruit beim Sauvignon Blanc, andere die Rosenblüte beim Gewurztraminer. Die Wahl der Hefe ist für viele Winzer heute so bewusst wie die Wahl der Lage.

Weisswein fordert Schnelligkeit und Sorgfalt: Die Trauben werden sofort nach der Lese gepresst — Oxidation ist der grösste Feind der Frische. Kühle Gärtemperaturen bewahren die delikaten Fruchtaromen.

1
Kühle Lese
Oft nachts oder frühmorgens geerntet — kühle Temperaturen schützen die Aromen. Oxidationsschutz beginnt schon im Weinberg.
2
Sofortpressung
Keine Maischestandzeit (Ausnahme: orange Weine). Sanftes Pressen schont die feinen Aromen, minimiert Bitterstoffeintrag aus den Kernen.
3
Mostklärung
24–48 h Kühlung lässt Grobstoffe absinken. Sauberer Most = klareres Aroma. Unverzichtbar für frische, präzise Weissweine.
4
Kühle Gärung
14–18 °C im Edelstahltank oder Holzfass. Kühler = mehr Frucht. Wärmer = mehr Körper. Dauer: 2–4 Wochen.
5
Malo — optional
Bei frischen Stilen (Riesling, Sauvignon) unterdrückt. Bei Chardonnay oft erwünscht für Cremigkeit und Körper (Burgunder-Stil).
6
Ausbau auf der Hefe
«Sur lies» — der Wein reift auf den abgestorbenen Hefen. Gibt Textur, Brotaromen und Tiefe. Regelmässiges Rühren (Bâtonnage) intensiviert dies.
IV
Kapitel Vier

Ausbau, Keller & Lagerung

Zeit ist die geheime Zutat. Ein Wein, der jung nach Pflaume und Holz riecht, kann nach zehn Jahren nach Leder, Tabak und Erde duften. Lagerung ist der Dialog zwischen Winzer und Zukunft.

Rotwein

Rotwein lagern & reifen

Rotweine sind die grossen Gewinner der Lagerung. Tannine, die beim jungen Wein rau und adstringierend wirken, verbinden sich über die Jahre mit Farbstoffen und werden seidig weich. Gleichzeitig entwickeln sich Tertiäraromen — komplexe Duftnoten, die nur durch Zeit entstehen.

Die ideale Lagerbedingung: konstant 12–14 °C, 70% Luftfeuchtigkeit, dunkel, erschütterungsfrei und liegend gelagert (Kork bleibt feucht).

Bordeaux (Cru Classé) 15–30+ Jahre
Barolo / Brunello 15–25 Jahre
Burgunder (Pinot Noir) 10–20 Jahre
Rhône (Syrah / GSM) 8–15 Jahre
Alltagsrotwein 1–5 Jahre
Weisswein

Weisswein lagern & reifen

Der Mythos «Weisswein trinkt man jung» gilt nur für einfache Konsumsorten. Grosse Weissweine sind erstaunlich langlebig: Ein gereifter Riesling Spätlese oder weisser Burgunder kann nach 15 Jahren eine Komplexität zeigen, die jeden Rotweinliebhaber überrascht.

Reife Weissweine entwickeln tiefgoldene Farben, honigartige Süsse und nussige, oxidative Noten — vorausgesetzt, die Flasche ist perfekt gelagert und der Kork intakt.

Riesling Spätlese / Auslese 15–30 Jahre
Weisser Burgunder (Meursault) 10–20 Jahre
Chardonnay (Premier Cru) 8–15 Jahre
Chenin Blanc (Vouvray) 10–25 Jahre
Sauvignon Blanc / Frische Weisse 1–3 Jahre
V
Kapitel Fünf

Abfüllung & Etiketten

Die Flasche ist das letzte Kapitel der Kellerwirtschaft — und das erste, das der Käufer sieht. Was drauf steht, erzählt die Geschichte dahinter.

Rotwein

Rotwein abfüllen

Rotweine werden oft nach einer längeren Fasslagerung abgefüllt. Kurz vorher: Schönung (Klärung mit Eiweiss, Bentonit) und sanfte Filtration. Viele Winzer verzichten bewusst auf Filtration, um Körper und Textur zu bewahren — das Etikett trägt dann «unfiltriert».

Schwere Bordeaux-Flaschen mit tiefer Punt (Delle im Boden) sind nicht nur Tradition — sie filtern beim Einschenken möglichen Satz heraus.

Bordeaux-Flasche
Hohe Schultern, dunkelgrünes Glas. Für tannin- und körperreiche Rotweine. Standard für Cabernet, Merlot.
Burgunder-Flasche
Geschwungene Schultern, bauchige Form. Für elegantere Sorten wie Pinot Noir, Syrah, Nebbiolo.
Naturkorken
Lässt mikroskopische Sauerstoffmengen durch — ideal für lange Reifung. Risiko: Korkgeschmack (TCA) bei ca. 3–5%.
Schraubverschluss
Kein TCA-Risiko, perfekter Schutz der Frucht. Lange belächelt, heute auch für Premium-Weine anerkannt.
Weisswein

Weisswein abfüllen

Frische Weissweine werden früher abgefüllt als Rotweine — oft schon 4–8 Monate nach der Lese. Der Fokus liegt auf dem Schutz der Aromen: unter Inertgas (Stickstoff) arbeiten, niedrige Abfülltemperatur, minimaler Schwefel-Einsatz.

Das Etikett eines Weissweins ist ein Versprechen: Bei Riesling verrät die Prädikatsstufe den Restzucker, bei Burgunder die Lagennamen die Herkunft.

Schlegel-Flasche
Die schlanke Flasche des Rheins und der Mosel. Grün für Mosel, braun für Rhein — jahrhundertealte Tradition.
Elsässer Flasche
Besonders schlanke Kegelform für Riesling, Gewurztraminer und Co. Leicht erkennbar, elegant.
Diam-Korken
Technischer Kork aus Granulat, TCA-frei. Zunehmend bei Premium-Weissweinen eingesetzt für Sicherheit.
Verre Clos / Bügel
Bügelflasche für Pétillant Naturel und unkomplizierte Weissweine. Nachhaltig und wiederverwendbar.
Weinlexikon

Das kleine Weinglosssar

Die wichtigsten Begriffe, die Sie auf Etiketten und in Weinkarten antreffen.

Terroir
Die Gesamtheit der natürlichen Umgebungsfaktoren eines Weinbergs: Boden, Untergrund, Klima, Mikroklima, Topografie und Tradition. Nicht übersetzbar — nur erschmeckbar.
Tannine
Phenolische Verbindungen aus Beerenschalen, Kernen und Holz. Sie geben Rotwein Struktur, Adstringenz und Lagerfähigkeit. Mit der Zeit werden sie weich und samtig.
Malolaktik
Ein bakterieller Gärprozess, bei dem harte Äpfelsäure in weiche Milchsäure umgewandelt wird. Macht Weine runder, cremiger und weniger säurebetont.
Barrique
Kleines Eichenholzfass mit 225 Liter Inhalt. Durch den Kontakt mit Holz und minimaler Sauerstoffzufuhr reift der Wein — Vanille, Toast und Würze sind typische Barrique-Noten.
Sur lies
«Auf der Hefe» — der Wein reift nach der Gärung auf den abgestorbenen Hefezellen. Dies gibt Textur, Brotaromen und Komplexität, besonders bei Weissweinen.
Assemblage
Der Verschnitt verschiedener Rebsorten, Lagen oder Jahrgänge zu einer harmonischen Cuvée. Meisterschaft der Assemblage ist die hohe Kunst des Bordeaux-Winzers.
Bâtonnage
Das regelmässige Aufrühren der Hefe am Fassboden. Intensiviert die Cremigkeit und Textur, besonders bei grossen Burgunder-Chardonnays.
Prädikatswein
Deutsches Qualitätssystem für Riesling und andere Sorten. Von Kabinett (leicht, trocken) über Spätlese, Auslese bis hin zu Trockenbeerenauslese (süss, konzentriert).
Mazeration
Kontaktzeit zwischen Beerenschalen und Saft. Bei Rotwein essentiell für Farbextraktion und Tannine. Bei «orange wine» wird auch Weissmost mazeriert.

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